Medical Flossing Leseprobe
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Medical Flossing

Im Gespräch: Ralf Blume und Andreas Ahlhorn

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Vor über einem Jahr erlebte Ralf Blume die überraschend positive Wirkung eines Gummibandes an seiner bewegten Schulter. Seitdem nutzt er es auch bei seinen Patienten und den Fußballprofis von Hannover 96, die er als leitender Physiotherapeut betreut. Als Referent für Medical Flossing nimmt er das große Interesse der Teilnehmer wahr. Im Interview mit Doreen Richter erzählt er ­gemeinsam mit Andreas Ahlhorn, der ebenso an der Entwicklung beteiligt war, von der neuen Methode.

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Herr Blume, als selbstständiger Physiotherapeut, Heilpraktiker (Physiotherapie) und Betreuer von Fußballprofis ­haben Sie sicher schon viele Erkrankungen und Verletzungen therapiert. Nun wenden Sie das Flossing an. Wie wird »geflosst«?

Ralf Blume: Das bedeutet erst mal nur, dass wir alles so machen wie bisher, aber das Flossing in nahezu jede Behandlung einfließen lassen können, in der es um die Verbesserung von Beweglichkeit, Reduzierung von Schmerzen oder das Ab­nehmen von Schwellungen geht. Der große Vorteil beim Flossen ist, dass es sehr schnell geht und sich in viele Therapieformen integrieren lässt – egal ob aktiv oder passiv.
Dazu wird das Flossing-Band unter wirklich großem Zug von ­distal nach proximalum die zu behandelnde Struktur gewickelt, die im Anschluss für etwa zwei Minuten aktiv oder passiv mobilisiert wird. Der Effekt stellt sich unmittelbar nach Abnahme des Flossing-Bandes ein – und hält in der Regel auch an! Die ­Patienten beschreiben ein be­freiendes Gefühl, verbunden mit einer signifikanten Bewegungszu- und Schmerzabnahme.

Abb. 1_Flossing: Mit dem Gummiband wird das Gelenk aktiv oder passiv bewegt.

Abb. 1_Flossing: Mit dem Gummiband wird das Gelenk aktiv oder passiv bewegt.

 

Wie kamen Sie eigentlich zum Flossing?

Ralf Blume: Anfang 2014 begann meine eigene Schulter so zu schmerzen und ihre Beweglichkeit weitestgehend einzustellen, dass ich fast das gesamte Jahr damit verbrachte, sie zu kurieren. Trotz sehr ­umfangreicher Therapieverfahren stellte sich keine Linderung ein, sodass ich mich im November 2014 dann an meinen Computer setzte und unter »Schulterschmerzen« das Internet durchstöberte. Es muss schon dramatisch sein, wenn sich ein ­Physiotherapeut mit 27 Berufsjahren und einigen Fortbildungen so etwas antut …
Irgendwann bin ich dann bei Kelly ­Starrett in den USA gelandet. Bei Ansicht der YouTube-Videos habe ich ihm natürlich erst mal den virtuellen Vogel gezeigt: Wie soll eine steife Schulter, ein stark schmerzendes Knie innerhalb von zwei bis drei Minuten um ein Vielfaches besser werden können? Eigentlich nicht möglich!
Einige Tage später – meine Schulter wurde und wurde nicht besser – landete ich wieder bei Starrett. Meine Not war so groß, dass ich nach Kollegen in Deutschland und Europa suchte – erfolglos. Also bestellte ich mir ein Flossing-Band.
Die Eigenanwendung stellte sich als mehr als kompliziert heraus. Es war nahezu unmöglich, mit steifer und extrem schmerzender Schulter das Band mit ­einer Hand adäquat anzulegen; aber irgendwann schaffte ich es und begann Schulter und Arm unter heftigen Schmerzen zu mobilisieren, bis Gefühl und Farbe langsam aus der Extremität wichen. Die ­Spannung war groß – ebenso die Angst vor dem Versagen dieser Technik, denn wenn das jetzt nicht hilft, was dann?
Direkt beim Abwickeln des Flossing-Bandes stellte sich ein so großes Glücksgefühl ein, das ich allen Ernstes mit der Geburt unserer Tochter vergleiche! Unmittelbar waren 80 Prozent des Schmerzes verschwunden und die Beweglichkeit nach über sechsmonatiger Stagnation um ein Vielfaches verbessert.
Mich beschlichen natürlich Zweifel der Nachhaltigkeit, wie lange dieser Erfolg anhielte, aber ich stellte fest, dass es kein Zurück mehr gab: Mit jeder Applikation wurde der Schmerz geringer und die Beweglichkeit besser, bis die Schulter nach etwa vier bis fünf Wochen wieder komplett und endgradig schmerzfrei wiederhergestellt war.

 

Unterscheiden sich Flossing und Medical Flossing?

Ralf Blume: Flossing gibt es schon lange. Kelly Starrett ist wie bereits beschrieben ein Vorreiter dieses Begriffs. Er bindet das Flossing vor allem in sein Training ein und ebnete den Weg in die Crossfit-Szene.
Medical Flossing nennen wir die therapeutische Intervention, die erst durch Andreas Ahlhorn auch einen theoretischen Hintergrund bekam. Andreas war es nicht genug, dass es wirkte; er wollte wissen, warum! Durch die Zusammen­arbeit mit ihm ist es uns gelungen, ein medizinisches Konzept mit diesem Gummiband zu entwickeln, das sich auf verschiedene Wirkungsweisen stützt und als ­umfangreiches Therapeutikum dienen kann. Flossing selbst kann jeder Athlet und jede Hausfrau. Medical Flossing ist die therapeutische Intervention, die von Ärzten, Osteopathen, Physio- und weiteren Therapeuten durchgeführt wird, um die individuelle Behandlung des Patienten diagnose- und problembezogen zu adaptieren.

 

Für welche Erkrankungen oder Dysfunktionen eignet es sich besonders und für welche nicht?

Ralf Blume: Wir haben bisher keine negativen Erfahrungen oder Rückmeldungen erhalten. Ob akute Gelenk- oder Weichteilverletzung, alte rigide Dysfunktionen, vernarbtes Gewebe – es stellt sich unmittelbar eine deutliche Verbesserung der Symptomatik ein, unabhängig vom Alter der Patienten! Selbst 80-Jährige mit Schultersteife oder Knie-TEP reagieren positiv.
Neurologisch arbeitende Kollegen berichten ebenfalls von guten Ergebnissen. Einzig beim Sudeck (komplexes regionales Schmerzsyndrom) ist die Resonanz nicht ganz so gut.

 

Herr Ahlhorn, wir haben eben gehört, dass Sie maßgeblich an der Entwicklung des Konzeptes beteiligt waren. Wie können Sie die Wirkungsweise des ­Flossings erklären?

Andreas Ahlhorn: Danke, Doreen. Ja, auch für mich war es sehr interessant zu sehen, wie effektiv die Behandlung mit dem Flossband sein kann. Damit gab ich mich wie gesagt aber nicht zufrieden, ich wollte wissen, was dort eigentlich passiert. Also habe ich nach unergiebiger ­Literaturrecherche nach Analogien zu verwandten Therapiemethoden gesucht. Schröpfen, Foam-Rolling und Tapen gaben mir den Einstieg in die Wirkungs­weisen, aber auch die Lymphdrainage, Faszientherapie und das Faszien-Distor­sions-Modell boten sehr viel nahrhaften Boden.
Letztendlich entstanden durch diese Recherche drei große Wirkungsweisen für das Medical Flossing: der Kinetic Resolve, die subkutane Irritation und der Schwammeffekt. Kinetic Resolve beschreibt das Lösen von Adhäsionen und Crosslinks im Bindegewebe (Faszien), subkutane Irritation beschreibt die Schmerzüberlagerung über verschiedene Rezeptoren und der Schwammeffekt die Wirkung auf das zirkuläre System. Damit lassen sich die schnellen und effektiven Erfolge des ­Flossings, bezogen auf Schmerz, Bewegungseinschränkung und Schwellungen, sehr gut beschreiben.
Der Schwammeffekt beschreibt das Durchspülen des Gewebes bei beziehungsweise nach Anlage des Bandes. ­Extrazelluläres Gewebe wird wie ein schmutziger Schwamm ausgepresst und kann sich wieder mit »frischer« extra­zellulärer Flüssigkeit füllen. Durch den hohen Druck der Anlage wird das zirkuläre System für einen Moment lokal unterbrochen oder zumindest gehemmt. Dadurch entstehen gewisse hormonelle und zelluläre Prozesse in unserem Körper, die beispielsweise eine verletzte Struktur ­positiv beeinflussen können. Dieses Wissen können wir den Kollegen aus der Sportwissenschaft verdanken. Das sogenannte Blood-Flow-Restriction-Training oder Okklusionstraining arbeitet ebenfalls mit dem Abbinden des zirkulären Systems. Darüber gibt es bereits einige Studien, die diese Prozesse im Körper ­untersuchen. Wir müssen uns leider noch an verwandten Themen bedienen, da es wie bei vielen Therapiemethoden noch keine Evidenz gibt, aber wir arbeiten ­daran!

 

Wenn ich richtig informiert bin, leiten Sie gerade eine Pilotstudie zum Thema Medical Flossing. Was untersuchen Sie darin genau?

Andreas Ahlhorn: Das ist richtig. Dabei geht es allerdings nicht direkt um die Wirkungsweise, sondern um die Wirksamkeit. Diese Pilotstudie untersucht die Wirksamkeit von Medical Flossing in der Physiotherapie bei Profi-Fußballern mit akuten und subakuten unspezifischen Knie- oder Sprunggelenksproblemen. Schmerz und Bewegungsausmaß sind hier die zu untersuchenden Parameter. Die Auswertungen sind bereits abgeschlossen und werden auch veröffentlicht. Dies ist aber natürlich nur eine ­Pilotstudie und damit auch kritisch zu betrachten. Es soll vor allem Lust auf mehr machen und weitere akademische Physiotherapeuten motivieren, dieses Thema zu untersuchen. Einige konnte ich damit schon anstecken. Ich bin gespannt darauf, was noch kommt!

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Nehmen Sie bei den Fußballprofis von Hannover 96 jetzt lieber das Gummi­band statt Tape oder Kinesio-Tape?

Ralf Blume: Das eine schließt das andere nicht aus! Wir arbeiten heute in der ­Physiotherapie mit vielen unterschied­lichen Tools – jetzt ist ein weiteres, sehr effektives Tool dazugekommen. Nach wie vor nutzen wir die stabilisierenden Gelenktapes und wo es angezeigt ist auch Kinesio-Tapes. An die unmittelbare Effektivität des richtig angewandten Gummibandes kommt jedoch keine andere Therapieform heran. Das ist auch der Grund, warum ich mich entschlossen habe, das unters Volk zu bringen!
Das Flossing war in meinem therapeutischen Bekanntenkreis entweder gar nicht bekannt oder es lief nur mal so nebenbei, denn der beschriebene Effekt kommt nur zustande, wenn es mit einer gewissen Intensität und Technik appliziert wird. Da es bis zu ­diesem Zeitpunkt in Deutschland keine Möglichkeit der Ausbildung gab, habe ich mich auf Nachfrage vieler Kollegen im Hannoverschen Raum entschlossen, die ersten Kurse zu geben. Was daraus wurde, sehen wir jetzt.
Vielen Dank für das informative Gespräch!

 

 

ANMERKUNG

Alle Fotos von Ralf Blume und Andreas ­Ahlhorn

 

HINWEIS
Die pt_Zeitschrift hat Ralf Blume und Andreas Ahlhorn zur MEDICA, 16. bis
19. November 2015, an ihren Messestand eingeladen und freut sich schon auf die Demonstration des Flossing.
Unsere Info-Seite zur pt_AUF DER MEDICA, insbesondere auch das Standprogramm und alle Anmeldemöglichkeiten: spezial.physiotherapeuten.de/medica

 

Heftnummer: 10-2015

 

Quelle: www.physiotherapeuten.de

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